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Der Überlieferung des Sokrates und des Platon zufolge
sollen am Eingang des Tempels von Delphi die erste (gnothi seauton)
und die dritte (meden agan) der drei Inschriften zu lesen gewesen sein.
Die zweite (Ei!), ist nach Charmides und Plutarch
vermutlich eine Antwort gewesen, die der Besucher des Tempels beim
Eintreten gegeben hat. Sie ist also ursprünglich eher an die Gottheit
gerichtet. Erst später wurde er zur Erkenntnis und Anerkenntnis der
eigenen Existenz umgedeutet. Durch ihre Bedeutung kann sie jedoch als
„dritte apollonische Weisheit“ gelten.
Auch in einem christlichen Kontext haben diese
Weisheiten einen Sinn: Der Mensch erkennt sein wahres Selbst erst im
"Eintreten in den Tempel Gottes", also im Gegenüber, in der Anerkenntnis
und der versöhnten Beziehung zu dem einzigen Gott, der von sich sagt:
"Ich bin, der ich bin".
Die dritte Weisheit "Meden agan" entspricht der
christlichen Tugend der Selbstbeherrschung (Engkrateia), die in Gal 5
auch zu den "Früchten des Heiligen Geistes" gezählt wird, die aus einem
vom Heiligen Geist geheiligten Leben erwachsen, und ohne die Leben nicht
gelingen kann (vgl. unsere heutige "Kultur" der Unmäßigkeit, die ständig
Opfer fordert!).
Der Focus der christlichen Lebensgestaltung liegt
insofern nicht mehr auf dem eigenen Mühen, sich aus eigener Kraft selbst
perfektionieren zu wollen, sondern auf der lebendigen Beziehung zu Gott,
aus der heraus Lebensveränderung geschieht. |