Sunniten
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ca.
1,3 Mrd. Menschen |
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- Die Sunna ist die orthodoxe
Hauptrichtung des Islam. Grundlage sind Koran und Sunna (weitere
Überlieferungen).
- Im sunnitischen Islam gibt es verschiedene Denk- und Rechtsschulen.
Die vier größten sind die Hanifiten, Malikiten, Schafiiten und
Hanbalitten. Für den inneren Zusammenhalt sorgt das (in groben Zügen
gemeinsame) islamische Rechtssystem, die Scharia.
- Auch innerhalb des sunnitischen Islam gibt es eine ganze Reihe von Sondergruppen: z.B. die Wahhabiten in Saudi-Arabien
(strenge Orientierung am Koran, Kritik späterer Ergänzungen) und die Seussi in Lybien.
- Bis zur Abschaffung des Kalifats 1924 durch die türkische Nationalversammlung
hatten die »Kalifen« (eigentl. »Nachfolger Muhammads«, in
der Praxis eher so etwas wie »Könige« des sunnitischen
Herrschaftsbereichs) die Leitung der sunnitischen Gemeinschaft inne.
Imame sind im sunnitischen Islam lediglich Vorbeter und Prediger (vgl.
»Schiiten«).
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Schiiten
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ca.
140-250 Mill., also ca. 10-20% der Muslime. |
vor allem im
Iran, Irak, Syrien und Pakistan |
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- Die Schiiten trennten
sich bereits kurz nach dem Tode Muhammads (656) von der orthodoxen
Hauptrichtung des Islam. Sie erkennen (in der Regel) nur Nachkommen Mohammeds und
des 4. der vier ersten Kalifen an.
- Grundsätzlich teilen sie den Glauben aller Muslime und fußen genau
wie die Sunniten auf Koran, Sunna und Scharia. Allerdings haben sie
einige besondere Rituale und
Lehrinhalte und eigene Rechtschulen (einige Dutzend verschiedene).
- Ein wesentlicher Unterschied zu den Sunniten besteht in der Rolle
der
Imame. Sie werden im schiitischen Islam sehr verehrt (Tendenz zum
Personenkult). Sie sind nicht nur religiöse, sondern auch politische
Führer. Ihnen werden auch noch
weitere übernatürliche Fähigkeiten (Unfehlbarkeit, Wunderkräfte, von Gott verliehene
Erkenntnis, von Allah inspirierte unfehlbare Koranauslegung)
zugeschrieben. Sie haben dem entsprechend sehr weitgehende Rechte, etwa die Scharia (das islamische Rechtssystem) verbindlich
auszulegen, aber auch politische Rechte, etwa die autoritäre Führung
des Volkes oder die Verhängung der Todesstrafe.
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Imamiten
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ca. 99
Mill. |
vor allem im Iran, Irak, in Syrien
und Nachbarländern |
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- Bei weitem größte Gruppe der Schiiten. Anerkennen den 12. Imam (Mohammed Ibn Hasan, bis 872) als
letzten (»Zwölferschiiten«). Er soll entrückt worden sein, im Verborgenen weiterleben und als Erlöser
(»Mahdi«) wiederkommen.
- Bis zu seiner Wiederkehr vertreten ihn die
schiitischen Rechtsgelehrten (»Mudschaheddin«) und Führer der religiös-politischen
Gesamtgemeinde (z.B. »Ajatollahs« im Iran). Im Irak Staatsreligion.
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Ismailiten
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ca. 17
Mill. |
Pakistan,
Indien, Syrien, Afghanistan |
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- Sog. »Siebener-Schiiten«,
anerkennen den 7. Imam (Ismael, bis 762, den sie als den 7. Imam ansehen) als letzten und erwarten seine Rückkehr als
unfehlbaren Mahdi mit göttlicher Autorität.
- Ihre (sehr eigenwillige) Lehre ist eine mystisch geprägte Geheimlehre mit 9 Initiationsstufen.
Sie betont die »inneren Werte« des Islam. So kommt auch bei der
Koranauslegung der »inneren Bedeutung« besondere Bedeutung zu. Durch
diese abweichende Lehre gibt es bei den Ismaeliten auch Abweichungen
im Kultus.
- Verschiedene Gruppierungen, z.B. die Hodschas, die Qaramitas und die
Bohras (auch »Mustalis« genannt, in Indien).
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Zaiditen
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ca. 8,4
Mill. |
Jemen |
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- Anerkennen den 5. Imam (Zaid, bis 740) als
letzten (»Fünfer-Schiiten«). Lehnen religiös-übersteigerte
Erwartungen an den Imam (wie bei Imamiten und Ismaeliten) ab, der bei
ihnen eher weltlicher Herrscher ist. Haben keine Erwartung eines »Imam
Mahdi« als Endzeiterscheinung, weder im schiitischen noch im
sunnitischen Sinne.
- Die Vernunft spielt (»Aghl«) eine prägende Rolle bei rechtlichen
Überlegungen und der Koran- und Sunna-Auslegung.
- Zaiditen halten an der Einheit von Religion und Staat fest, jedoch
können religiöse und politische Führung von unterschiedlichen
Personen wahrgenommen werden.
- Gründeten eigene Staaten, z.B. im
Jemen. Diverse Abspaltungen.
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- Sufismus (abgeleitet von arabisch suf, »weiße Wolle«, nach dem wollenen Gewand der frühen
Asketen): eine asketisch-mystische Richtung im Islam seit dem 9.
Jahrhundert.
- Von außerislamischen Lehren (z. B. Neuplatonismus und indischen Religionen) beeinflusst.
Deutet den Koran allegorisch und wendet sich vielfach gegen die strenge Gesetzlichkeit des orthodoxen Islams.
Heute weniger asketisch, aber recht mystisch.
- Erstrebt in Bruderschaften und (Derwisch-) Orden (siehe weiter
unten) die mystische oder ekstatische (durch Tanz, Musik) Vereinigung mit Gott.
- Der Sufismus, der besonders in Persien blühte, ist heute vor allem im indopakistanischen und türkischen Islam verbreitet. In Deutschland bestehen sufistische Gemeinschaften.
- Der Sufismus hat in Deutschland eine hohe Attraktivität für
Nicht-Muslime.
- Aleviten (»Anhänger Alis«, vor allem in der Türkei:
»anatolische Aleviten«), ca.
22 Millionen Menschen: Sondergruppe. Abspaltung 872. Etwa 20% der türkischen Muslime in Deutschland sind Aleviten.
- Sehen sich als Muslime. Stehen zwar den Schiiten nahe, dennoch unterscheiden sie sich
erheblich von ihnen. Religiöse Theorie und Praxis haben aber auch
mit
dem orthodoxen Islam nur wenig gemein. Religionswissenschaftlich werden
die Aleviten meist als eigene, unter anderem vom Islam
beeinflusste Religion betrachtet.
- Mystisch-synkretistische
(religionsvermischende) Geheimlehre mit alttürkischen, vorislamischen und
altchristlichen Elementen.
- Verehren Ali als
»Lichtwesengestalt«, lehnen Scharia (das islamische Rechtssystem),
Pflichtgebet, Pilgerfahrt und Almosensteuer ab. Haben keine Moscheen. Frauen sind
gleichberechtigt und tragen kein Kopftuch - eine Ausnahme im Islam. Alkohol,
Bilder, Tanz und Musik sind
erlaubt.
- Aleviten werden von extremistischen Sunniten vielerorts (z.B. in der
Türkei, aber auch in Deutschland) verfolgt. Nicht zu verwechseln mit den
Alawiten, einer islamisch-marokkanischen Herrscherdynastie, und mit den
syrischen Aleviten (Nusairiern), einer ebenfalls eigenwilligen
schiitisch-islamischen Sekte.
- Charidschiten (oder »Kharidjiten«, z.B. im Oman, Nord- und Ostafrika), insg. ca.
1,3 Millionen Menschen): Älteste islamische Sekte. Trennung von der Schia 657.
Betonung der reinen Lehre, strenge ethische Forderungen, halten sich streng an den Koran.
Betrachten die anderen Muslime zumeist als todeswürdige Ketzer.
- Drusen (z.B. im Libanon und in Syrien, ca. 0,7 Millionen
Menschen): Geheimlehre des ad-Dasari (bis 1019). Erklärte den Fatimiden-Kalifen Hakim für göttlich,
glauben an seine Wiederkunft und an Seelenwanderung. Werden von den anderen nicht als Muslime anerkannt.
- Ahmadija Kadiani (ca. 3 Millionen Menschen), Ahmadija Lahori
(ca. 1 Million Menschen): Ordensähnlich organisierte weltweite
Missionsbewegung. Grundsätzliche Übereinstimmung mit dem orthodoxen
Islam, aber auch Sonderlehren, tw. christlich beeinflusst
(Mischreligion). Verehren ihren Gründer Ahmad als Mahdi oder Messias,
als »Ebenbild Muhammads« und »wiedergekommenen Jesus«. Sehen sich als Muslime, wurden aber von der islamischen Weltversammlung aus der Umma ausgeschlossen.
- Bahai: (ca. 3 Millionen Menschen) Haben sich selbst aus der islamischen Weltgemeinschaft ausgeschlossen; wollen neue Weltreligion sein. Sind jedoch eher islamische Sondergruppe.
Unterhalten in der ganzen Welt Missionszentren, auch in Deutschland
sehr aktiv.
[nach oben]
Islamische Orden
- Im (sunnitischen wie schiitischen) Islam gibt es eine Vielzahl
von Bruderschaften, die manchmal abgeschlossen leben, aber meist
das religiöse Leben fördern wollen.
- Etwa 3% der Muslime gehören zu Orden. Sie sind meist streng
hierarchisch gegliedert. Oft propagieren sie eine mystische
Frömmigkeit. Sie sind meist vom Sufismus geprägt (siehe
weiter oben).
- Beispiele: die türkischen Derwisch-Orden wie der
Bektaschi-Orden (alevitisch / imamitisch), der Naqschibandi-Orden
(deutsches Zentrum im Südschwarzwald) oder der (alevitisch-bektaschitisch
geprägte) Mewlewi-Orden mit seinen berühmten »tanzenden Derwischen« und Fakir-Künsten, Ekstase und Trance.
Sie haben oft prägende Wirkung weit über die Grenzen ihrer
Bruderschaft hinaus und wirken auf viele Westeuropäer sehr
interessant und attraktiv.
- Nicht selten haben die Orden aufgrund ihrer eigenwilligen Lehre
und Praxis innerhalb der muslimischen Gemeinschaft darum zu
kämpfen, akzeptiert zu werden.
- Die Orden verfolgen nicht immer ausschließlich religiöse Ziele, sondern
teilweise auch politische, so dass der deutsche Verfassungsschutz
diese Organisationen im Blick hat.
[nach oben]
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Der »Volks-Islam«
- Neben den grundsätzlichen Glaubensrichtungen gibt es natürlich auch so
etwas wie einen Volks-Islam: Nicht jeder Muslim hält sich an die
Grundlagen seiner Religion – kennt sie oft noch nicht einmal –, sieht
sich aber trotzdem als Muslim.
- So sehen sich immerhin fast 70% der Muslime in Deutschland als »praktizierende
Muslime«, aber nur 12% besuchen pflichtgemäß die Moschee. Der Anteil
der Muslime, die den Islam tatsächlich leben, dürfte noch geringer
sein.
- Vielfach besteht der Islam der unter uns lebenden Moslems eher aus
kulturellen Gewohnheiten verbunden mit religiösen Riten und Gebräuchen, die zwar islamisch geprägt sind, aber auch andere
religiöse Elemente aufnehmen können (z.B. Aberglaube, Mystik, Magie,
Heiligenkult, Verehrung von Gräbern).
- Einen solchen »Volks-Glauben«, der sich vom Original erheblich
unterscheidet, gibt es auch im Christentum oder Judentum:
nur ein ähnlich geringer Teil von Christen in Deutschland oder von
Juden in Israel lebt den jeweiligen Glauben tatsächlich oder kennt ihn
auch nur. Dennoch feiern beispielsweise viele Menschen in Deutschland
christliche Feste, oder in Israel jüdische.
- Es handelt sich hierbei vielfach lediglich um eine religiös
beeinflusste Sozialisation, die nur oberflächlich mit der
jeweiligen Religion zu tun hat.
- Übrigens nimmt auch der »christliche Volksglaube«, also das
christlich beeinflusste religiöse Denken viele andere religiöse
Elemente auf: z.B. Seelenwanderung, Bewunderung von indianischen
Religionen oder tibetischem Buddhismus, Vermengung mit Esoterik,
Aberglaube, Okkultismus, Magie, und ignoriert dabei wesentliche
Inhalte des christlichen Glaubens - ganz analog zum
»Volksislam«, der kein Islam mehr ist, auch wenn er sich dafür
hält.
- So ist der »christliche Volksglaube« als auch der
»Volksislam« eher als selbst definierte Privatreligion, als »Patchwork-Religion«
anzusehen.
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Das
Verhältnis zwischen Islam und Staat
- Der Islam ist an sich durch seinen alles umfassenden Anspruch auf
die Schaffung von gesellschaftlichen Strukturen hin angelegt, um
den Islam durchzusetzen und auszubreiten.
- Ihn in »nichtislamischen Staaten« zu leben, die also Religion
und Staat trennen, ist für Muslime oft nicht einfach.
- Einige Beispiele: Gebetspflichten kollidieren in »westlichen
Gesellschaften« mit Arbeitszeitregelungen, es gibt nur wenige
Moscheen, es gibt viele Differenzen zwischen islamischer und
»westlicher« Lebensweise (Kleidung, Rolle der Frau, Rolle der
»Züchtigung« usw.), Speisevorschriften kollidieren mit den
Tierschutzgesetzen (vgl. »Schächten«), das Pflichtfasten ist in
vielen Berufen schwer durchzuhalten, das islamische Rechtssystem
ist in vielen Punkten nicht vereinbar mit den bürgerlichen
Gesetzen westlicher Gesellschaften, es fehlen einfach »islamische
Strukturen«.
- Außerdem umfasst das islamische Rechtssystem (»Scharia«) auch
die politische Ordnung, so dass ein erheblicher Teil der
praktizierenden Muslime auch die Demokratie wie alle anderen
nichtislamischen Herrschaftsformen ablehnt (auch in
Deutschland).
- So generiert sich der Islam oft als Alternative zu allen
anderen Herrschaftsformen: er ist darauf hin angelegt, selbst
der Staat zu sein.
- Im Verhältnis von Islam zum Staat gibt es dabei allerdings große
Unterschiede. Vier Richtungen lassen sich grob unterscheiden:
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